Aktenzeichen XY… gelöst? Die Salome mit Johannesschüssel im Herzoglichen Museum Gotha
Interview mit Dr. Timo Trümper
Wege zu Cranach: „Zersägt und wiedervereinigt“ – so lautete eine plakative Schlagzeile, die Gotha in den vergangenen Wochen deutschlandweit in die Medien brachte. Was verbirgt sich hinter dieser Überschrift?
Das Gemälde mit der Darstellung der Salome mit der Johannesschüssel wurde 1936 einem Kunsthändler zum Kauf angeboten. Angesichts des damals noch sehr umfangreichen Cranach-Bestandes in Gotha – der erst später durch Kriegsverluste stark dezimiert wurde – erschien das Werk offenbar entbehrlich. Aufgrund der drastischen Darstellung des abgeschlagenen Hauptes Johannes des Täufers ließ der Händler die Tafel zersägen: Der obere Teil konnte nun als vermeintlich harmloses Damenbildnis angeboten werden, während der für den Markt schwer verkäufliche untere Teil mit der Johannesschüssel an Gotha zurückgegeben wurde. Das war sozusagen „unter der Gürtellinie“, wie eine andere Zeitung titelte.
Nun ist es gelungen, auch das obere Fragment zurückzukaufen und die beiden Teile des Gemäldes nach fast 90 Jahren wieder zusammenzuführen.
Wege zu Cranach: Die „Salome mit Johannesschüssel“ ist seit dem 17. Jahrhundert für die Gothaer Sammlung dokumentiert. Welchen Stellenwert nimmt das Gemälde innerhalb der Sammlung von Schloss Friedenstein und speziell innerhalb des dortigen Cranach-Bestandes ein? Welche geschichtliche bzw. kulturelle Bedeutung hat das Motiv „Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers“?
Das Gemälde gehörte als eines von insgesamt acht Cranach-Werken zum Kernbestand der historischen Kunstkammer und entstammte der aus Altenburg eingebrachten Mitgift der Gemahlin des Schlossbauherrn. Es besitzt daher eine zentrale Bedeutung für die Sammlungsgeschichte von Schloss Friedenstein. Darüber hinaus lässt sich das Werk in den Kontext des protestantischen Selbstverständnisses der ernestinischen Dynastie stellen: Wie Johannes der Täufer sein Leben für seinen Glauben hingab, verteidigten auch die Ernestiner den lutherischen Glauben gegenüber den katholischen Mächten. Dies erklärt die besondere Beliebtheit des Motivs am Hofe im 16. und 17. Jahrhundert.
Wege zu Cranach: Ist dieser drastische Eingriff in das Gothaer Cranach-Bild ein besonderer Einzelfall? Oder hat man es als Kunsthistoriker immer wieder einmal mit Werken zu tun, die im Verlauf ihrer Geschichte absichtsvoll verändert und damit dauerhaft ihrer Originalität beraubt wurden?
Solch drastische Eingriffe aus kommerziellen Gründen sind keineswegs Einzelfälle. Es gibt zahlreiche Beispiele für Werke, die im Laufe ihrer Geschichte bewusst verändert, verkleinert oder anderweitig manipuliert wurden. Auch Verkäufe aus Museumsbeständen waren vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht ungewöhnlich. Die ursprüngliche künstlerische Intention wurde dadurch häufig zerstört, um einem Markt zu entsprechen, der nach anderen Kriterien funktionierte. Im Fall des Gothaer Gemäldes wurde nicht nur eine Zerteilung vorgenommen, sondern auch der originale schwarze Hintergrund abgebeizt, um das Bild „freundlicher“ erscheinen zu lassen. Heute ist es Aufgabe der Museen, sowohl die ursprüngliche Bedeutung des Werks als auch seine Sammlungs- und Verlustgeschichte transparent zu vermitteln – wofür die Salome ein eindrucksvolles Beispiel bietet.
Wege zu Cranach: Sie sind im engen Austausch mit Fachkolleg_innen. Wie geht es nun weiter mit der Salome? Welche Optionen wurden bisher erarbeitet? Was sind die nächsten Schritte?
Die beiden Gemäldefragmente werden weiter untersucht, um fundierte Grundlagen für die restauratorischen Entscheidungen zu schaffen. Die zentrale Frage lautet, ob eine Rekonstruktion des ursprünglichen Erscheinungsbildes möglich und sinnvoll ist. Dabei stehen sich zwei Positionen gegenüber: Einerseits die Wiederherstellung des Werkes im Sinne der ursprünglichen künstlerischen Intention der Cranach-Werkstatt und andererseits die Bewahrung des fragmentierten Zustands, der die Sammlungsgeschichte und die Zerstörung des Kunstwerks sichtbar macht. Eine Entscheidung wird erst nach Abschluss aller Untersuchungen getroffen werden.
Wege zu Cranach: Erwarten Sie sich im Laufe des Restaurierungsprozesses auch neue Erkenntnisse über die Arbeitsweise in der Cranach-Werkstatt?
Es ist durchaus zu erwarten, dass der Restaurierungsprozess neue Erkenntnisse zur Arbeitsweise der Cranach-Werkstatt liefert. Besonders interessant ist die Frage, wie das Werk in die Werkstattproduktion einzuordnen ist und aus welchen Motivvorlagen oder Typen der 1530er Jahre sich die Darstellung zusammensetzt. Das Bild fügt sich in eine Reihe verwandter Salome- und Judith-Darstellungen ein, deren Zuschreibungen, Abhängigkeiten und chronologische Reihenfolge neu diskutiert werden können.
Wege zu Cranach: Können Besucher_innen des Herzöglichen Museums die beiden Teile der Salome-Tafel sehen?
Beide Fragmente werden im Altdeutschen Saal des Herzoglichen Museums präsentiert, genau an dem Ort, an dem das ungeteilte Gemälde bereits im 19. Jahrhundert hing. Auf diese Weise kann das Werk wieder in seinen historischen Sammlungszusammenhang erlebt werden und die Besucher_innen sind herzlich eingeladen dieses besondere Gemälde im Original kennenzulernen und sich in den Bann der Salome ziehen zu lassen.
Wege zu Cranach: Und eine letzte Frage: Wenn Sie an das Ende des Restaurierungsprozesses denken, wie sieht dann Ihr persönliches Ergebnis aus? Sollte die Salome wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden?
Für die Entscheidung über die endgültige restauratorische Vorgehensweise sollte ausreichend Zeit eingeräumt werden. Mein Wunsch wäre, dass jede gewählte Lösung reversibel bleibt, um künftigen Generationen die Möglichkeit zu geben, mit dem Werk im Sinne ihres jeweiligen Erkenntnisstands umzugehen. Auf den gemeinsamen Entscheidungsprozess freue ich mich sehr, die Rückkehr des oberen Bildfragments ist wirklich ein großer Gewinn.
Vielen Dank an Dr. Timo Trümper, Direktor Abteilung Wissenschaft und Sammlungen, Stiftung Schloss Friedenstein Gotha für das Interview.
Abbildungsnachweis:
Lucas Cranach d. Ä., Salomé mit dem Haupt Johannes des Täufers, Foto: Rose Heidl, vor 1936
Lucas Cranach, d. Ä., Fragment mit der Johannesschüssel, um 1530, Öl und Tempera auf Tannenholz, H 32,3 cm, B 57 cm, Foto: Friedenstein Stiftung Gotha
Siehe auch:
Pressemitteilung der Wege zu Cranach: Link
Friedenstein Stiftung Gotha, Verluste durch legale Abverkäufe: https://www.friedensteine.de/artikel/verluste-durch-legale-abverkaeufe
Cranach Digital Archive, Fragment einer Salome: https://lucascranach.org/de/PRIVATE_NONE-P280/
MDR aktuell, Der zersägte Cranach - Zerstörtes Bild wiedervereint, Mo 01.09. 2025, 09:21 min: https://www.mdr.de/video/mdr-videos/d/video-951648.html
Restauro, Julia Maria Korn, Cranach-Gemälde: Wiedervereint nach 90 Jahren, 02.09.2025: https://www.restauro.de/cranach-gemaelde-wiedervereint/